Carmen Gollak, 49 aus München

Wir trauern nicht in Schwarz

Meine Urgroßmutter, ich nannte Sie immer Mammi, hieß Selma Weinich und wurde am 12. August 1894 im preußischen Posen geboren. Nach dem 1. Weltkrieg wanderte Sie mit ihren Eltern, wohl wie so viele andere, nach Berlin aus.

Sie kam aus einer musikalischen Familie. Ihr Vater war Harfenspieler und ihr großer Bruder Oskar wurde sogar Kapellenmeister. Sie selbst arbeitete wie ihre Mutter als Händlerin. Mammi hatte noch 3 weitere Geschwister. Zum jüngsten Bruder, Rudolf, hatte sie ein ganz besonderes Verhältnis.

Die Familie bekam die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen irgendwann Mitte der 30er Jahre zu spüren, ihr Vater und dann der Bruder nicht mehr als Musiker tätig sein durften. Sie wurden alle durch Fingerabdrücke erfasst und als arbeitsscheu klassifiziert. Später wurden Mammis Brüder zu Zwangsarbeit in verschiedene Fabriken verschleppt. Anfang der 1940er Jahre kamen dann alle ihre Geschwister und ihre Eltern nach Auschwitz.

Sie hatte „Glück“ und wurde mit ihrem Ehemann und den Kindern „nur“ ins Zwangslager Marzahn inhaftiert. Von dort aus schrieb sie mehrere Briefe an hochrangige Behörden mit der Bitte, dass ihre Eltern und Brüder wieder nach Berlin dürfen. Für Letztere hatte sie sogar von den ehemaligen Arbeitgebern Zusicherungen ausstellen lassen, dass diese sofort wieder in Arbeit kommen würden. Ihre Anfragen blieben unerhört und waren für sie selbst eine Gefahr, denn Sie brachte sich damit ins Visier der Behörden.

Mammi war eine sehr starke und mutige Frau. Sie war ehrlich und sagte immer, was ihr auf dem Herzen lag. Ihrer Familie konnte sie leider nicht helfen. Alle ihre Geschwister sind umgebracht worden. Vor allem die Nachricht über den Tod des jüngsten Bruders hat sie nie verkraftet, und sie trauerte fortan in schwarz. Ich habe sie deswegen nur in dunkler Kleidung in Erinnerung.

Sie starb als ich 8 Jahre alt war. Meine Urgroßmutter war eine liebevolle Person und erlaubte uns Kindern alles, was unsere Eltern uns verboten hatten. Ich habe sie lächelnd und fürsorglich in Erinnerung. Nur wenn wir fragten, warum sie immer schwarz gekleidet war, wurde sie traurig und sagte „wegen Rudolf“. Das Schwarz hat sie jeden Tag an ihren Schmerz erinnert.

Ihre Geschichte war und ist in unserer Familie gegenwärtig. Wir sprechen offen darüber. Mir ist es wichtig, dass auch andere Menschen sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Wie schrecklich es enden kann, wenn Hass die Oberhand gewinnt, hat meine Familie am eigenen Leib erlebt. Ich möchte nicht mehr Menschen in Schwarz sehen, weil sie wegen anderen trauern. Meine Familie und ich haben uns deswegen entschieden, Beerdigungen farbenfroh zu begehen. Für uns ist das einer von vielen Versuchen, den Schmerz hinter uns zu lassen.

Mammi hat sich bis zum Ende ihres Lebens an diese Trauer erinnert und sie mit sich getragen. Das möchte ich nicht. Deswegen kann und will ich heute niemandem einen Vorwurf für die Vergangenheit machen. Ich will nur für die Zukunft mahnen. Nie wieder Auschwitz!

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