Zum Welt-Roma-Tag: Das Identitätsproblem – Mehrheit, Minderheit, Verlogenheit

Zum Welt-Roma-Tag ein hoch auf uns alle! Und damit meine ich wirklich uns ALLE. Nicht nur die Angehörigen unserer Gruppe. Ein Tag, an dem alle kurz innehalten und anerkennen welch kulturelle Vielfalt, künstlerische Darstellung und sonstige Errungenschaften und Persönlichkeiten einer vermeintlich unliebsamen Gruppe entspringen.

50 Jahre nach dem ersten Welt-Roma-Kongress 1971 in London sind wir tatsächlich ein ganzes Stück weiter. Weiter in der Anerkennung des zugefügten Leids, aber auch weiter in der Anerkennung, ein Teil vieler Nationen und Gesellschaften zu sein. 50 Jahre sind vergangen seit der internen inhaltlichen Auseinandersetzung, in der festgelegt wurde, dass wir keine Zigeuner sind, sondern Roma. Menschen.

In den vergangenen Wochen wird vermehrt eine Identitätsdiskussion geführt, in der vor allem benachteiligten Gruppen vorgeworfen wird, mit ihrem Emporkommen die gesellschaftliche Stabilität zu gefährden. Angestoßen vom ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse: „Wir dürfen die Interessen und Identität der Mehrheit nicht vergessen“. So ähnlich stand es in seinem Gastbeitrag in der FAZ.

Kurz darauf strahlt der Presseclub die Sendung „Kampf um Anerkennung – Sprengstoff für unsere plurale Gesellschaft?“ aus. Eine tolle Auseinandersetzung mit spitzfindigen, intellektuellen Kommentaren, die wesentlich besser war, als der gewählte Titel. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, wenn der Wunsch nach Anerkennung gleichzeitig Sprengstoff darstellt? Als wäre das Verlangen nach Verbesserung der Lage von Menschen, die seit jeher benachteiligt sind, ein Akt der Böswilligkeit.

Prompt steigt die WELT als intellektuelle Schwester der BILD – Zeitung in den Diskurs ein und behauptet „In den letzten Jahren […] konnte sich eine intellektuelle Subkultur etablieren, die die Errungenschaften der Aufklärung und auch gesellschaftliche Übereinkünfte durch Gruppendenken zu ersetzen versucht. […] Forderungen nach einer besonderen Behandlung werden mit wachsender Aggressivität gestellt.“ Und als würde das nicht reichen, wird auch noch eine Sprache verwendet, die eher ausschließt, anstatt einer Inklusion dienlich zu sein.

Ich frage mich, ob es dem Otto Normalmenschen, der noch nie in seinem Leben aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung oder ethnischer Herkunft ausgegrenzt wurde, bei den Wörtern Black and People of Color (BPoC) oder beim Gendern ähnlich ergeht, wie mir, wenn ich das Z-Wort höre oder andere das N-Wort. Ob er sich genauso gefährdet fühlt, wie Jüdinnen und Juden mitten in unserer Gesellschaft?

Und warum wird das Kritisieren von offenkundigen Missständen als Schrei nach einer besonderen Behandlung erlebt? Im Bundestag und in der öffentlichen Verwaltung sind zu wenig Frauen und Eingewanderte oder deren Nachkommen vertreten. Das ist Fakt. Bereiche, die für unsere gesellschaftliche Grundordnung von enormer Bedeutung sind, bilden die Gesellschaft nicht annähernd ab. Die Forderung dies zu ändern ist einer Sonderbehandlung gleichgesetzt? Als gäbe es nicht genügend Potential unter Frauen und Migrant*innen?

Bei der Job- oder Wohnungssuche werden Menschen ausgegrenzt oder bei gleicher Leistung unterschiedlich bezahlt. Hier kann natürlich gerne mit der Freiheit argumentiert werden. „Als Vermieter oder Unternehmer sollte ich doch selbst entscheiden können, an wen ich vermiete oder wen ich einstelle und wie bezahle“. Klar, sicherlich haben die Gründerväter der Demokratie und der Aufklärung genau das beabsichtigt – Ironie off.

Nein, die Aufklärung steht für Kritik! Für Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen, für das Hinterfragen des Althergebrachten, für Erneuerung, Verbesserung, Toleranz und Individualismus. Übrigens ist auch die Entstehung der Arbeiterbewegung auf eine Gruppe aufmüpfiger Gerechtigkeitskämpfer mit einer neuen Sprache zurückzuführen; kleiner Wink an Herrn Thierse.

Die Forderung nach gleichen Rechten und gerechten Möglichkeiten ist also kein Ruf nach Sonderbehandlung, sondern expliziter Apell, im Sinne der Aufklärung, sich Themen zu widmen, die uns alle betreffen. Themen wie Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus. Das muss eine Gesellschaft leisten können. Sich überdenken, prüfen, ausprobieren und verbessern.

Es ist schlicht und ergreifend verlogen zu behaupten, Minderheitengruppen würden die Gesellschaft spalten oder die Deutungshoheit über die Identitätsfrage erlangen wollen. Der Einsatz für mehr Anerkennung benachteiligter Gruppen ist nicht mit der Verachtung oder Ausgrenzung der Mehrheit gleichzusetzen.

Wolfgang Thierse sagt richtig, dass übergeordnete Werte herhalten müssen, um uns alle wieder zu verbinden. Diese müssen nicht neu geschaffen werden, sie sind da: Grundrechte, Demokratie und Freiheit. Sie müssen nur für alle zugänglich sein.

Die Identitätsfrage hingegen muss ein aufgeklärtes Individuum erstmal für sich selbst klären und zwar in einer Art und Weise, die keinen anderen ausgrenzt oder beleidigt. Sollte doch nicht so schwer sein?! Ich bin Moselaner, Bulgare, Deutscher, im Herzen ein Berliner und ein Münchener. Ein Rom; also ein Mensch und ich fühle mich allen verbunden, die das „Dach“ der Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit genauso aufsuchen und pflegen. Eine gemeinsame Identität ist natürlich nicht wegzudenken: Wir können doch alle Demokraten sein, Gerechtigkeitskämpfer oder einfach nur Menschen, die Menschlichkeit zeigen. – Autor: Radoslav Ganev

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