„Wir wollen andere Bilder schaffen“

Ganev will mit seiner Initiative Romanity deutlich machen, dass Roma Menschen sind wie alle anderen.

Klingt selbstverständlich – und ist doch ein so großes Ziel in Zeiten des grassierenden Rassismus

Von Bernd Kastner

Sag das auf keinen Fall! Mit diesem Satz ist er aufgewachsen. Er war noch Kind, als er ihn zum ersten Mal hörte, von seiner Mutter. Und sie erklärte auch, warum er schweigen soll: Weil Leute wie wir nicht gern gesehen sind. So erinnert sich Radoslav Ganev an die Worte seiner Mutter, die ihren Sohn schützen wollte vor blöden Sprüchen und davor, dass den Leuten dann nicht mehr wichtig ist, was er kann, sondern nur noch, wo er herkommt. Niemand sollte wissen, dass er ein Rom ist.

Heute ist der Junge von damals 33 Jahre alt. Heute sagt er laut und deutlich: Ich bin Rom.

Radoslav Ganev hat jetzt eine Initiative gestartet, Romanity nennt sie sich, darin sind die Worte Roma und Humanity verschmolzen. Noch ist die Initiative klein, sie suchen Unterstützer und Netzwerker. Romanity will klar machen, dass Roma Menschen sind wie alle anderen. Klingt selbstverständlich, und ist doch ein so großes Ziel in Zeiten des grassierenden Rassismus. Roma haben, ebenso wie Sinti, mit uralten Stereotypen zu kämpfen. Rom heißt auf Romanes, der Sprache der Roma, Mensch, nichts anderes; die weibliche Form lautet Romnija.

Als Radoslav acht Jahre alt war, zog er mit seiner Mutter von Bulgarien nach Deutschland, das war 1995. Sie landeten in einem Dorf an der Mosel. Das Leben des Jungen dort begann als „typische Migrantenkarriere“, wie er es heute sieht. Er sprach kein Wort Deutsch, kam in die Grundschule, lernte, wie so viele Kinder, die neue Sprache ganz schnell.

Er erinnert sich, wie enttäuscht er war von diesem Deutschland. Nicht, weil sie im Dorf böse gewesen wären, sondern weil dieses Deutschland nicht hielt, was es versprach. Versprochen hatte sich der Bub ein Land mit gutem Fußball und tollen Autos. Fußball, okay, aber: Wo bloß waren all die tollen Autos? In seinem Dorf jedenfalls nicht, da fuhren nur ganz wenige Autos. Ganev lacht.

Wirklich zusammengebrochen ist seine Welt damals aber aus einem anderen Grund. Er musste trotz guter Noten auf die Hauptschule, die Realschule trauten ihm die Lehrer nicht zu. Migrantenkind. Er war traurig, weil er den Ruf der Hauptschulen kannte. Heute sagt er: „Es war das Beste, was mir passieren konnte.“ Er erzählt von „wunderbaren Menschen“, die er auf der Hauptschule kennenlernte, Lehrer, die an ihn glaubten und ihn förderten.

So begann seine Lern-Laufbahn: Mittlere Reife noch auf der Hauptschule, Wechsel aufs berufliche Gymnasium in Trier, dort bald Schulsprecher. Zum Studieren nach Bamberg, Politikwissenschaft und Neuere und Neueste Geschichte, bei einem Professor, der sich intensiv mit ethnischen Minderheiten beschäftigte. Radoslav Ganev schrieb seine Diplomarbeit über das Wahlverhalten dieser Minderheiten. Es weiß bis dahin aber niemand, dass auch er zu einer dieser Minderheiten gehört. Sag’s auf keinen Fall! Wenn also irgendwo das Gespräch auf Sinti und Roma kam, versuchte er, das Thema zu wechseln.

Das Verstecken muss ein Ende haben, sagte er sich nach dem Studium. Und das Ende begann ganz zaghaft. Er hatte sich um ein Stipendium bei der Deutschlandstiftung Integration beworben, und im Auswahlgespräch war es das erste Mal, erzählt er, dass er sich fremden Menschen gegenüber geöffnet habe, eher beiläufig. „Ich bin Rom.“

Seine Gesprächspartner müssen sich das gemerkt haben. Einige Zeit später, da war Ganev schon Stipendiat, war er in Berlin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Vorgestellt wurde er als Rom aus Bulgarien. Er war überrascht, er war erschüttert, jetzt kannte der ganze Saal dieses Geheimnis. Was werden die Leute denken? Hinterher kamen diese Leute zu ihm. Toll! Aber nicht wegen seiner Rede lobten sie ihn, sondern weil er Rom ist und er öffentlich dazu stehe. Toll! „Wenn ihr alle wüsstet“, habe er sich nur gedacht. Wenn Radoslav Ganev heute davon erzählt, hört man eine Mischung aus Schaudern und Stolz. Weil alles unvorbereitet geschah, und weil er es geschafft hat.

Eine wichtige Erkenntnis habe er mitgenommen: So schlimm ist es gar nicht. Vielleicht dürfen alle wissen, wer ich bin, woher ich komme.

Während seines Studiums war Radoslav Ganev einmal in München auf einer Party, und da traf er eine junge Frau, gebürtige Münchnerin. Für sie zog er 2015 nach München. Sie heirateten, ihre Tochter ist jetzt ein paar Monate alt. Ganev nahm eine Stelle bei der Inneren Mission an, in der Asylsozialberatung, heute ist er einer der stellvertretenden Leiter der Abteilung. Er lernte Münchner Vereine kennen, die sich um Sinti und Roma kümmern, um Empowerment, also Hilfe, um voranzukommen im Leben, einen guten Schulplatz zu finden, später einen guten Job. Alles gut und wichtig, sagt Ganev.

Aber er fragte sich, ob nicht mehr nötig sei, um die Diskriminierung zu überwinden, ob man nicht am Bewusstsein arbeiten müsse, bei den Roma und bei den „Gadje“. So sagen sie in Romanes zu den Nicht-Roma, zur Mehrheitsgesellschaft. Weil beide noch immer in getrennten Welten leben, von Ausnahmen abgesehen, müsste man mehr übereinander erfahren, sagt Ganev. Weil die meisten Roma Zugewanderte sind, meist vom Balkan; weil sie arm sind; weil der Durchschnittsmünchner sie als Bettler auf den Fußwegen der Innenstadt sitzen sieht, aber fast nie einen persönlich kennenlernt – deshalb müsste man einen positiven Kontrapunkt setzen.

„Wir wollen andere Bilder schaffen“, sagt Radoslav Ganev. Das ist der Gründungsimpuls für Romanity, das ist die Strategie. Mit Eva Weinmann und Marleen Hausner hat Ganev sich zusammengetan, um den deprimierenden Bildern vom Straßenrand andere Eindrücke, andere Geschichten an die Seite zu stellen. „Roma sind ganz normale Menschen. Sie sind nichts Besonderes.“ Das ist die Botschaft des Radoslav Ganev. Arm sind viele von ihnen, können kaum Deutsch, aber zu sagen haben sie trotzdem was. Roma sind eine Minderheit, aber minderwertig sind sie deshalb nicht. Also wollen die Romanity-Macher solange miteinander reden, von- und übereinander lesen, bis Roma den Gadje als „ganz normale Menschen“ gelten.

Romanity besteht bislang vor allem aus der Webseite romanity.de. Es sollen nach und nach die Geschichten von und über Roma erscheinen, in drei Kapiteln: Kunst und Kultur, Gesellschaft – und Geschichte. Die Geschichte der Roma ist nicht nur die einer vor Jahrhunderten vom indischen Subkontinent ausgewanderten Bevölkerungsgruppe, sondern auch die einer verfolgten Minderheit im Nationalsozialismus. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde erst 1982 offiziell anerkannt, er ist noch immer kaum präsent im bundesdeutschen Gedächtnis. Das systematische Morden war 1945 beendet, das Verdrängen und Diskriminieren aber nicht, es ist bis heute Bestandteil der Bundesrepublik.

Eine junge Frau, 28, erzählt als eine der ersten einen Teil ihrer Familiengeschichte auf der Romanity-Seite. Sie, die Tattoos so liebt, berichtet von ihrem Opa, der auch ein Tattoo hatte, aber eines, das nur aus Ziffern bestand. „Als Kind fragte ich ihn einige Male nach dem Ursprung. Dann murmelte er immer etwas von einem Lager, was ich nicht verstand.“ Erst im Geschichtsunterricht lernte sie, was sie nicht glauben wollte. Der Opa besuchte dann selbst die Schule der Enkelin: „Mit traurigen Augen und zittriger Stimme gab er wieder, wie es war, einem Toten die Stiefel ausziehen zu müssen und sie zu tragen, um nicht selbst zu erfrieren. Wie es war, einem beim Essen vor Erschöpfung Verstorbenem das Brot zu nehmen, um selbst nicht zu verhungern. Oder wie schwer es war, zu zählen, während man ausgepeitscht wurde, um sich nicht zu verzählen, weil dann die Folter von vorne begann.“ Er war mit 16 nach Auschwitz deportiert worden. „Seine Geschichte hat mich stark gemacht“, schreibt Vanessa Meinhardt. „Egal in welch beschwerlichen und scheinbar ausweglosen Situationen ich mich befunden habe, dachte ich an meinen Opa.“

In einem anderen Text auf Romanity geht es um das „Zigeunerschnitzel“. Das Thema passt in eine Zeit, in der die Gesellschaft langsam sensibler wird angesichts von Begriffen, die für die einen normal klingen, für die anderen aber verletzend sind. „Zigeuner ist nicht nur ein Wort“, schreibt Radoslav Ganev. „Es ist ein Messer. Es sticht ins gesellschaftliche Bewusstsein und erinnert daran, dass man anders ist, anders sein muss. Es ist ein Stempel. Es deklariert den Betroffenen als Angehörigen einer unerwünschten Gruppe. Es ist eine Beleidigung, weil der gesellschaftliche Sprachgebrauch es zu einer gemacht hat.“

Manchmal geschieht die Verletzung ganz unauffällig, so, dass nur der Betroffene sie wahrnimmt. Ganev erzählt von einer Zugfahrt. Er war noch im Studium, ist jede Woche von Bamberg nach Trier gependelt, mit einem Regionalzug. Da stiegen an einem Bahnhof zwei Polizisten ein und kontrollierten den Mann mit dem dunklen Teint, sonst niemanden in diesem Waggon. Eine Woche später, sagt Ganev, seien am selben Bahnhof in den gleichen Zug wieder zwei Beamte gestiegen und hätten denselben Fahrgast kontrolliert, den mit dem dunklen Teint, sonst niemand. Da habe er wieder seinen Ausweis gezeigt, sie angesprochen und gefragt: Warum? Er sagt, sie hätten seine Frage, seine Verletzung nicht verstanden, es sei doch ganz normal, dass sie kontrollieren.

An München, sagt Radoslav Ganev, liebe er die Vielfalt und Weltoffenheit, die lebendige Zivilgesellschaft. Sein Rom-sein ist kein Geheimnis mehr, aber kaum einer erkenne in ihm den Rom. Der dunkle Teint seiner Haut lasse viele fragen, ob er aus der Türkei oder dem Irak komme, auf Bulgarien komme keiner.

Fünf Jahre nach dem unfreiwilligen Outing in einem Saal in Berlin bekennt sich Radoslav Ganev öffentlich zu seiner Herkunft: Bulgare, Deutscher, Rom. Dieses ungute Gefühl, das er über Jahre empfunden habe, sei jetzt weg. Wenn andere in seiner Gegenwart über Roma redeten, schlecht redeten, wagte er nicht, dagegen zu halten. Sag nichts! „Ich habe mich geschämt, dass ich mich nicht getraut habe, was zu sagen.“ Jetzt hat er den Mut. Es fühle sich an wie eine Befreiung, sagt er.

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